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03 07 " ... Das Büro bestand aus einem großen Zimmer mit dem Schmuck des klassischen Ofens, wie er alle Höhlen der Rechtsverdrehung ziert. Die Ofenrohre liefen diagonal durchs Zimmer und mündeten in einem außer Gebrauch gesetzten Kamin, auf dessen Marmorsims man verschiedene Stücke Brot, dreieckige Rahmkäse, frische Schweinskoteletts, Gläser, Flaschen und die Tasse Schokolade des ersten Schreibers erblickte. Der Geruch dieser Lebensmittel vermischte sich so innig mit dem Gestank des maßlos überheizten Ofens, mit dem allen Büros und Aktenhaufen eigenen Duft, daß man den Gestank eines Fuchses schwerlich noch wahrgenommen hätte. Der Fußboden war mit dem Straßenschmutz und dem Schnee bedeckt, den die Schreiber hereingetragen hatten. Am Fenster stand der Zylinderschreibtisch des Bürovorstehers; dicht daneben befand sich der kleine Tisch des zweiten Schreibers. Der zweite Schreiber >erledigte< in diesem Augenblick den Justizpalast. Es mochte zwischen acht und neun Uhr morgens sein. Als einzigen Zierat wies das Büro den Stolz der Advokatenstuben, die großen gelben Plakate, auf, die Grundstückspfändungen, Versteigerungen, Zwangsteilungen zwischen Großjährigen und Minderjährigen, definitive oder vorläufige Verfügungen verkündeten. Hinter dem ersten Schreiber stand ein großer Fachschrank, der die Wand von oben bis unten verdeckte; alle Fächer waren vollgepfropft mit Aktenstößen, an denen eine unendliche Anzahl von Etiketten und roten Fadenendchen herabhing, wie sie den Prozeßakten ihre besondere Physiognomie geben. Die unteren Reihen der Fächer steckten voller Papiere, die durch den Gebrauch gelb geworden und mit blauem Karton umrändert waren; auf ihnen las man die Namen der großen Klienten, deren saftige Geschäfte eben jetzt gebraut wurden. Die schmutzigen Fensterscheiben ließen nur ein spärliches Licht herein. Übrigens gibt es in Paris wenig Büros, in denen man im Februar vor zehn Uhr ohne Lampe schreiben könnte; sie sind nämlich einer nur zu begreiflichen Vernachlässigung ausgesetzt: jedermann betritt diese Räume, niemand bleibt dort, keinerlei persönliches Interesse heftet sich an so banale Dinge; weder der Advokat noch die Prozeßparteien noch die Schreiber legen Wert auf die Eleganz eines Raumes, der für die einen eine Schulklasse ist, für die anderen ein öffentlicher Durchgang und für den Advokaten selber ein Laboratorium. Das schmierige Mobiliar vererbt sich mit so frommer Peinlichkeit von einem Notar zum anderen, daß manche Büros noch heute im Besitz von Papierkästen, Beklebestreifen und Aktensäcken sind, die von den Sachwaltern am >Chlet< herrühren. Chlet ist eine Abkürzung des Wortes Châtelet; dieses Gericht entsprach in der alten Ordnung der Dinge dem gegenwärtigen Gericht der ersten Instanz. Das dunkle, verstaubte Büro besaß also wie alle übrigen auch für die Klienten etwas Abstoßendes, das es zu einer der scheußlichsten unter allen Pariser Ungeheuerlichkeiten machte. Wenn es nicht die feuchten Sakristeien, in denen man Gebete abwägt und bezahlt wie Gewürze, wenn es keine Trödelläden gäbe, wo Lumpen umherliegen und alle Illusionen des Lebens welken lassen, indem sie uns das Ende zeigen, das unsere Freuden schließlich nehmen, wenn diese beiden Kloaken der Poesie nicht vorhanden wären, so wäre sicherlich ein Advokatenbüro von allen sozialen Werkstätten die scheußlichste. Aber im Spielhaus, im Gerichtsgebäude, im Lotteriebüro und im verrufenen Hause ist es ebenso. Weshalb? Vielleicht macht an solchen Orten das Drama, das sich in der Seele des Menschen abspielt, alle Nebendinge gleichgültig; und das würde auch die Einfachheit der großen Denker und der großen Ehrgeizigen erklären. ... "
aus Honoré de Balzac, "Oberst Chabert", 1832
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